|
|
Wie finde
ich den richtigen Tierarzt?
von
Malte Kubinetz (gekürzt)
Bemerkung vom Autor: Wenn im
folgenden von Tierärzten die Rede ist, so können das natürlich auch
Tierärztinnen sein! Wenn im folgenden von Tierarzthelferinnen die Rede
ist, so können das natürlich auch Männer sein! Das alte Rollenspiel ist
ja sowieso längst überholt: Die allermeisten neu eröffneten
Tierarztpraxen werden übrigens von Tierärztinnen geleitet - der
Tierarzthelfer allerdings ist immer noch eine Rarität.
|
|
Die Unsicherheit
Mit den Tierärzten ist es wie mit den Menschenärzten
auch. Wenn Sie zum ersten Mal hingehen, wissen Sie eigentlich
nicht genau, was Sie erwartet. Außerdem haben es Ärzte
wie keine zweite Berufsgruppe so an sich, dass sie die Qualität
ihrer Leistung nicht im Vordergrund präsentieren: Es ist
gar nicht so leicht, herauszubekommen, ob Sie einen Guten oder
einen Schlechten erwischt haben. Die meisten Tierärzte gewinnen
neue Kunden durch Mundpropaganda: Hundebesitzer tauschen ihre
Erfahrungen beim gemeinsamen Spaziergang aus, Katzenbesitzer
fragen ihre Nachbarn um Rat. Und gleich hier wird es aber auch
schon heikel: Erfreulich für den Berufsstand: Die meisten
Tierbesitzer sind mit ihrem Tierarzt zufrieden: Von fünf
verschiedenen Hundehaltern werden Sie vermutlich auch zu fünf
verschiedenen Tierärzten geschickt. Fragen Sie auch nicht,
ob der betreffende Tierarzt nett ist! Nett sind sie alle! Wer
den ganzen Tag seinem Hobby nachgehen kann und mit putzigen Kreaturen
zu tun hat, der ist nett. Garantiert! Auch das ist kein Unterscheidungsmerkmal.
Fragen Sie doch gleich mal praktischer: Sind die Helferinnen
nett? Kann ich bequem parken? Sind die Sprechzeiten so gestaltet,
dass ich auch neben Beruf und Kinderbetreuung noch ausreichend
Zeit für einen Besuch habe?
|
|
|
|
|
Für mich als Tierarzt, der ich die Problematik ja
gewissermaßen von links herum betrachte, stellt sich die
Situation so dar: Zunächst einmal brauchen Sie einen Tierarzt
für die Alltagssorgen und "das übliche".
Sie können heutzutage von einer modernen Tierarztpraxis
erwarten, dass Ihr Tierarzt sich ein intensives Spezialwissen
über Hunde, Katzen und Kleintiere angeeignet hat und auch
vermeintlich exotische Fragen (was muss ich beachten, wenn
ich mein Kaninchen mit nach Griechenland nehmen will? Mein Hamster
beknabbert sein Rad! Meine Katze pinkelt über den Rand vom
Katzenklo! usw.) beantworten kann. Andererseits müssen Sie
in Kauf nehmen, dass er von Rindviechern beispielsweise
nur das Grundwissen parat hat. Was soll's! Haben Sie etwa Rinder?
Sie können auch erwarten, dass Ihr Tierarzt darüber
hinaus seine Grenzen kennt und Sie in wirklichen Spezialangelegenheiten
an die entsprechenden Kollegen überweist. |
|
|
|
|
|
|
|
Der zweite wichtige Punkt - wieder aus meiner umgekehrten
Sichtweise - ist eine vollständige Karteikarte. Kaum eine
Krankheit lässt sich richtig einordnen, wenn man die
Vorgeschichte nicht kennt. Eine lückenlose Kartei ist da
das Allerwichtigste. Tierbesitzer, die dazu neigen, je nach Fall
ihren Tierarzt nach dem Preis für die Impfung zu wählen,
nehmen dabei enorme Nachteile in Kauf. Ein Tierarzt, der Sie
lange genug kennt, sieht Ihrem Tier vieles schon an der Nasenspitze
an. Für den Rest hat er dann noch seine Kartei. Wie also
finden Sie einen solchen Tierarzt? Ich kann Sie nur ermutigen,
ihm auf die Finger zu schauen. Nur das, was Sie selbst beurteilen
können, schafft auch Vertrauen. Und Vertrauen ist der Anfang
von Allem. Macht er sich Aufzeichnungen für seine Kartei?
Weiß er noch, was beim letzten Mal los war? Kann er Ihnen
den Zustand und die zu treffenden Maßnahmen so erläutern,
dass Sie es auch verstanden haben? Kann er Ihnen z. B. ein
Röntgenbild so erklären, dass Sie nachher mehr
sehen, als schwarz und weiß? Kann er Sie schließlich
zur Mitarbeit motivieren, z. B. indem er Ihnen mehr abverlangt,
als Sie sich eigentlich vorgestellt hatten: 5 Bestrahlungen (das
heißt auch: 5 x wiederkommen!) statt der schmerzstillenden
Spritze, die Sie erwartet hatten, oder eine zusätzliche
Blutuntersuchung vor der Narkose, obwohl Sie dachten, das sei
eigentlich nicht nötig? Sehen Sie: Dieser Tierarzt hat bereits
Ihr Vertrauen gewonnen, weil er Sie nicht im Unklaren lässt,
Ihnen die Situation erklärt hat in Sätzen, die Sie
verstanden haben, weil er Verständnis hat für Ihr Tier
und weil er Ihnen den besten Weg zeigt, wie Ihr Tier wieder gesund
wird. Zu einer Erfolg versprechenden Therapie gehört auch,
dass sich Ihr Tierarzt nicht nur für die Krankheit,
sondern auch für die Gesundheit Ihres Tieres interessiert.
Wundern Sie sich nicht, wenn er Sie zu einer Kontrolluntersuchung
wiederbestellt, wundern Sie sich lieber, wenn er es nicht tut!
Wundern Sie sich auch nicht, wenn er auf regelmäßige
Checkups besteht, um bei Ihrem älteren Tier eine Früherkennung
möglicher Leiden zu ermöglichen. Genau dies erwarten
Sie ja auch von Ihrem Hausarzt. |
|
|
|
|
|
|
|
Viele Untersuchungen lassen sich bei Tieren nur in einer
entspannten, vertrauensvollen Atmosphäre durchführen.
Gerade bei den ersten Besuchen mit Hunde- oder Katzenwelpen werden
hier die Weichen für eine "gute Zusammenarbeit"
gestellt. Beurteilen Sie, was der Tierarzt unternimmt, um Ihrem
kleinen Petzi den Aufenthalt angenehm und zu einem Erlebnis zu
machen. Bei den ersten Besuchen beim Tierarzt werden häufig
vor allem Vorsorgeuntersuchungen vorgenommen, die für den
Patienten weder mit Schmerzen noch mit Unannehmlichkeiten verbunden
sind. Dies muss Ihr Tierarzt für sich nutzen können,
damit Ihr Tier beim nächsten Mal mit Freuden wiederkommt.
Auch eine Impfung sollte Ihr Tierarzt ohne bleibenden seelischen
Knacks bei Ihrem Tier hinbekommen. Wenn Ihr Tier schon bei diesen
Untersuchungen keinen Spaß hat, wird es sich auch später
verkrampfen und die diagnostische Arbeit erschweren. Ihr Tierarzt
sollte das wissen. Schauen Sie ihm ruhig auf die Finger. Eine
besondere Rolle kommt hierbei den Helferinnen zu. Natürlich
können Sie erwarten, dass sie Ihnen gegenüber
am Telefon oder auch in der Sprechstunde höflich und hilfsbereit
sind! Ebenso wichtig ist aber auch, dass die Helferinnen
Ihr Tier verstehen, dessen Namen kennen und sich um das Wohlergehen
des Patienten besorgen. Wenn sich niemand um Ihre Probleme sorgt,
sollten Sie lieber wieder nach Hause gehen! Tierarzthelferinnen
haben einen recht komplexen Job: Neben dem als direktem Ansprechpartner
für Ihr Tier und für Sie obliegt ihnen die gesamte
Organisation der Praxis, gleichzeitig sind sie für die Hygiene
und Sauberkeit der Praxis, die gute Laune, die Wärme des
Kaffees, den Medikamentenein- und verkauf, die Buchführung,
die Terminplanung, das Blumengießen und tausend andere
Sachen verantwortlich. Wer einen solchen Job ausübt und
dann auch noch mit den Tierschicksalen fertig werden kann, die
manchmal ganz schön an die Nieren gehen können, der
ist ein absoluter Tiernarr und Tiermedizinfreak, sonst hält
er den Stress, die vielen Überstunden und die schlechte
Bezahlung nicht aus! Für Sie als Kunde ist jedoch wichtig:
Wenn Sie im Sprechzimmer sind, sind Sie die Hauptperson, Ihr
Tier der König und die anderen Probleme dürfen Sie
noch nicht einmal erahnen. Sollte dem Mädchen dieser Spagat
zwischen Anspruch und Wirklichkeit gelingen, geben Sie ihm ein
Trinkgeld, wenn nicht, erkennen Sie aber das Bemühen, dann
hat es vielleicht nur Muskelkater vom vielen Spagat. Lassen Sie
sich dann beim nächsten Mal einen Termin zu einer erwartungsgemäß
ruhigen Zeit geben. Herrscht dann immer noch Chaos - Good bye! |
|
|
|
|
|
|
|
Ein paar Worte zu den Preisen: Ich
kann verstehen, dass manche Tierärzte das Feilschen überhaben. Niemandem
macht es Spaß, seinen Wert nur nach den Sonderangeboten bemessen zu sehen.
Andererseits sollen Sie auch nicht mit der Ungewissheit zum Tierarzt gehen,
nicht zu wissen, ob Sie sich die Therapie leisten können. Es ist nun mal
gerade so, dass tierärztliche Leistungen nicht zu den Dingen des
alltäglichen Lebens gehören und deshalb auch niemand einschätzen kann, was
sie wert sind. Erkundigen Sie sich, mit welchen Zahlungsmitteln Sie Ihrem
Tierarzt kommen können: Viele Praxen akzeptieren Kreditkarten, Euroschecks
oder buchen im Lastschriftverfahren von Ihrem Konto. Das hilft auch bei
unvorhergesehenen Besuchen. Wenn Sie schon Preise vergleichen wollen, dann
lassen Sie sich aber auch erklären, was alles darin enthalten ist.
Eine Operation kann für 150 Euro angeboten
werden - ohne Untersuchung, ohne Narkose (!) und ohne Nachbehandlung - oder
für 300 Euro, dann aber komplett.
Achten Sie aber auch darauf, dass die Preisfindung nachvollziehbar bleibt.
Ein Arzt, bei dessen Preisen grundsätzlich eine Null an der letzten Stell
vor dem Komma steht, kann unmöglich genau gerechnet haben. Eher schon
schnell geschätzt. Bleibt die Frage, ob er auf- oder abgerundet hat. |
|
© 2000 -2010 Text und
Bilder: Dr. med. vet.
Kristine Hucke, Wiesbaden
|
|